Spanien – Valencia
Spanien – Valencia
Zeit anders erleben – Mein erster Monat in Valencia
Bei meiner Ankunft in Valencia begann meine Erfahrung mit einer kleinen Verzögerung, da wir etwa 45 Minuten auf unser Gepäck warten mussten. Das war für mich kein grosses Problem, denn ich landete um 14 Uhr, konnte aber die Schlüssel für meine neue Wohnung erst um 16 Uhr abholen, da die Vermietungsagentur nur nachmittags geöffnet ist. Diese erste Situation deutete bereits auf einen anderen Rhythmus des Alltagslebens in Spanien hin.
Als ich meine Wohnung betrat, war ich überrascht vom Zustand meines Zimmers. Es war sehr schmutzig, und ich musste es gründlich reinigen, bevor ich mich dort wohlfühlen konnte. Zu diesem Zeitpunkt war es bereits etwa 17 Uhr, und ich fühlte mich leicht gestresst, da ich noch Lebensmittel und Reinigungsartikel kaufen musste. Ich ging davon aus, dass mir nur zwei Stunden blieben, bevor die Geschäfte schliessen würden. Doch ich stellte fest, dass der Supermarkt bis 21.30 Uhr geöffnet war. In meinem Heimatland schliessen die Geschäfte normalerweise gegen 19 Uhr.
Das war nicht die einzige zeitbezogene Besonderheit, die mir auffiel. Auch der Aufbau meines Stundenplans an der Universität unterscheidet sich völlig von dem, was ich gewohnt bin. Viele meiner Vorlesungen beginnen erst um 16 Uhr und dauern bis 21:30 Uhr. Da ich in Kursen des dritten und vierten Studienjahres eingeschrieben bin, absolvieren die meisten Studierenden tagsüber Praktika und besuchen abends die Universität. Sogar meine späteste Prüfung ist von 19 bis 21 Uhr angesetzt – für mich sehr ungewöhnlich.
Diese Erfahrungen liessen mich erkennen, dass die Wahrnehmung und Organisation von Zeit in Spanien sich deutlich von der in meinem Heimatland unterscheidet. Die Tage beginnen langsamer und enden viel später. Zeit wirkt flexibler und weniger streng durchstrukturiert.
Diese Beobachtung faszinierte mich, und ich begann, genauer darauf zu achten, wie Zeit in Valencia erlebt wird. Von meinem Balkon aus beobachte ich oft die Strasse darunter. In der Nähe befinden sich mehrere Restaurants, und ich habe festgestellt, dass das Mittagessen meist gegen 13 oder 14 Uhr serviert wird – zu dieser Zeit sind viele Menschen unterwegs. Zwischen 15 und 19 Uhr werden die Strassen ruhiger, nur um am Abend wieder lebendig zu werden – oft bis Mitternacht unter der Woche und bis 2 Uhr morgens am Wochenende. Einmal kam ich unter der Woche kurz vor Mitternacht aus einer Bar zurück, und der Bus war komplett voll.
Sogar die Hausordnung in meiner Wohngemeinschaft spiegelt diesen Rhythmus wider. Die Ruhezeiten beginnen erst um 23 Uhr, während in meinem Heimatland ab 22 Uhr Stille erwartet wird.
Durch genauere Beobachtung der Menschen auf Valencias Strassen ist mir ein allgemeines Gefühl der Gelassenheit in ihrem Verhalten aufgefallen. Ihr Gehtempo ist deutlich langsamer als das, was ich gewohnt bin, was mich zunächst dazu brachte, über meine eigenen Gewohnheiten nachzudenken. Ich ertappe mich oft dabei, wie ich schneller unterwegs bin, scheinbar immer in Eile, und merke, dass ich im Vergleich zu den Menschen um mich herum gestresster wirke. Dieser Unterschied im Tempo zeigt sich nicht nur beim Gehen – selbst an der Supermarktkasse scheinen die Einheimischen Aufgaben wie das Einpacken der Einkäufe mit einer entspannten und unbeeilten Haltung anzugehen. Diese subtilen Beobachtungen verdeutlichen den gelasseneren Rhythmus des Alltagslebens in Valencia, der im Kontrast zu dem steht, was ich aus meiner eher zeitlich gedrängten Umgebung kenne.
Diese Eindrücke haben mir nicht nur geholfen, mich an das Leben in Valencia anzupassen, sondern auch, über meine eigenen kulturellen Normen nachzudenken. In meiner Kultur wird Zeit oft mit Struktur, Effizienz und Vorhersehbarkeit verbunden. In Spanien hingegen scheint Zeit stärker mit Gemeinschaft, Genuss und Flexibilität verknüpft zu sein. Es ist faszinierend zu sehen, wie ein universelles Konzept wie Zeit so unterschiedlich gelebt werden kann – und wie diese Unterschiede unseren Alltag prägen.