Frankreich - Antibes
Frankreich - Antibes
La Bise
Wenn man in ein anderes Land zieht, sagen einem die Leute oft, dass man einen Kulturschock erleben wird. Das habe ich auch erwartet, als ich für mein Austauschsemester nach Antibes in Frankreich gekommen bin. Um ehrlich zu sein, gab es aber gar nicht so viele grosse kulturelle Unterschiede zwischen Frankreich und Österreich. Das Leben hier fühlt sich ziemlich vertraut an. Die Menschen gehen zur Schule, sitzen in Cafés, geniessen gutes Essen und reden über das Wetter. Abgesehen davon, dass es bereits zwei Streiks gegeben hat (die Franzosen scheinen Streiken zu lieben) und eine Warnung vor Tigermücken ausgesprochen wurde, hat sich alles überraschend normal angefühlt. Dennoch gibt es eine Kleinigkeit, die mir besonders aufgefallen ist: die Art, wie sich die Menschen hier begrüssen.
In Frankreich heisst die traditionelle Begrüssung „la bise“. Das bedeutet, sich auf die Wangen zu küssen – normalerweise einmal auf jeder Seite. Bevor ich hierherkam, hatte ich davon gehört und es auch schon in Paris gesehen, aber ich hatte es selbst nie erlebt. In Österreich sind Begrüssungen viel zurückhaltender. Wir geben uns meist die Hand, winken oder sagen einfach „Hallo“. Jemanden auf die Wangen zu küssen, machen wir nur bei engen Freunden oder der Familie. Beim ersten Kennenlernen ist das überhaupt nicht üblich.
Als ich in Frankreich ankam, sah ich überall Menschen, die sich mit la bise begrüssten. In der Schule, in Cafés, auf der Strasse. Es wirkte ganz natürlich für sie. Ich fand das immer interessant, aber da ich keine französischen Freunde hatte, war ich nie selbst in dieser Situation. Ich wusste, dass es irgendwann passieren würde, aber ich dachte, es würde mit jemandem sein, den ich schon ein bisschen kenne.
Mein erster la bise-Moment passierte dann völlig unerwartet. Ich war mit anderen Austauschstudierenden in einem Club, und eine von ihnen stellte mich ein paar Franzosen vor, die sie kannte. Wir sagten Hallo, und bevor ich überhaupt nachdenken konnte, beugte sich jeder von ihnen für la bise zu mir. Ich wusste, dass dieser Tag irgendwann kommen würde, aber ich hätte nie gedacht, dass mein erster französischer Wangenkuss in einem lauten Club mit völlig fremden Menschen stattfinden würde.
Ich hatte es schon oft gesehen und wusste genau, was zu tun war. Ich hatte nur nicht erwartet, es selbst in diesem Moment zu machen. Es war einer dieser Augenblicke, in denen man merkt, dass ein kultureller Unterschied, den man bisher nur von aussen beobachtet hat, plötzlich einen selbst betrifft. Es war ein bisschen überraschend, aber nicht unangenehm. Alles lief reibungslos, und danach dachte ich nur: „Gut, erledigt. Wieder etwas abgehakt.“ Ich schätze, das war meine offizielle französische Aufnahmeprüfung.
Danach begann ich darüber nachzudenken, wie unterschiedlich unsere beiden Kulturen mit Begrüssungen umgehen. In Österreich halten wir meist etwas mehr Abstand, besonders beim ersten Kennenlernen. Körperkontakt wie dieser würde wahrscheinlich als zu persönlich empfunden. In Frankreich wird la bise ganz anders gesehen. Es bedeutet nicht unbedingt, dass man eng befreundet ist. Es ist einfach eine freundliche und höfliche Art, Hallo zu sagen.
Als ich das verstanden hatte, ergab alles viel mehr Sinn. Es fühlte sich nicht mehr seltsam an. Es ist einfach Teil der Kultur, etwas, mit dem die Menschen aufwachsen und das sie ganz selbstverständlich tun, ohne gross darüber nachzudenken. Auch wenn ich das zu Hause nicht machen würde, kann ich nachvollziehen, warum es hier so normal ist.
Rückblickend hat mir diese kleine Erfahrung etwas Interessantes über kulturelle Unterschiede beigebracht. Manchmal findet man sie nicht in grossen Traditionen oder Ereignissen, sondern in den kleinsten Momenten des Alltags. Österreich und Frankreich mögen sich sehr ähnlich erscheinen, und doch kann selbst eine einfache Begrüssung unterschiedliche Arten zeigen, wie Menschen miteinander in Kontakt treten. Für mich ist la bise jetzt eine Erinnerung daran, wie viel man allein durch Beobachtung und Teilnahme am täglichen Leben lernen kann. Und wer weiss – vielleicht begrüsse ich meine Freunde in Österreich nach meiner Rückkehr ja auch mit la bise, nur um sie ein bisschen zu überraschen.