Vietnam - Ho-Chi-Minh-Stadt
Vietnam - Ho-Chi-Minh-Stadt
Esskultur in Ho-Chi-Minh-Stadt
Eines der ersten Dinge, die mir bei meiner Ankunft in Ho-Chi-Minh-Stadt aufgefallen sind, ist die vollkommen andere Esskultur. Egal, wo man sich in der Stadt befindet – man sieht einen Streetfood-Stand nach dem anderen. Es gibt auch klassische Restaurants, aber bisher hatte ich den Eindruck, dass diese eher für westliche Gäste gedacht sind oder von Einheimischen nur zu besonderen Anlässen genutzt werden. Viele Vietnamesen essen ihre Mahlzeiten auf den berühmten kleinen Plastikstühlen am Strassenrand. Das war für mich anfangs schwer vorstellbar, denn in meiner Kultur findet Essen meist drinnen oder in ruhiger Umgebung statt. Hier jedoch fühlte ich mich sofort wohl dabei, mein Essen mitten im Verkehrslärm am Strassenrand zu geniessen. Ich denke, man muss einfach seine Gewohnheiten beiseitelegen und offen sein – dann wird es eine wunderbare Erfahrung.
Das Essen selbst ist sehr abwechslungsreich und, wie ich finde, gesund. Fast jede Mahlzeit wird mit viel Gemüse serviert, das man zum Beispiel in die Suppe geben oder einfach als Beilage essen kann. Wenn man die richtigen Restaurants wählt, kann man sich zudem darauf verlassen, dass das Essen frisch und sehr schnell serviert wird. Meistens kann man sogar zusehen, wie das Essen zubereitet wird, da die Küche oft im Freien liegt. Was die Wartezeit betrifft, fiel mir schon in den ersten Tagen ein deutlicher Unterschied zu den Gepflogenheiten in meiner Heimat auf – als sich eine Kellnerin mehrmals im Voraus dafür entschuldigte, dass ich zehn Minuten auf mein Essen warten musste. Da wurde mir klar, dass die Erwartungen in meiner Kultur ganz anders sind – man könnte fast sagen, dass Warten dort zum Esserlebnis dazugehört. Hier hingegen liegt der Fokus eher auf Schnelligkeit und Effizienz. Bis jetzt würde ich sagen, dass mir das besser gefällt – aber ich bin gespannt, wie sich das im Laufe meines Aufenthalts noch entwickelt.
Im Vergleich zu Österreich hat die Esskultur hier jedoch nicht nur Vorteile. Ich denke, der grösste Kritikpunkt ist wahrscheinlich die Hygiene. Ratten und Kakerlaken sind auf den Strassen keine Seltenheit – und Streetfood-Stände bilden da keine Ausnahme. Man sieht sie vorbeihuschen, erschrickt kurz – und isst dann einfach weiter. Mit den Hygienestandards, die wir in Österreich haben, wäre so eine Erfahrung fast unvorstellbar. Dort gilt Hygiene als Grundvoraussetzung für jedes Restaurant. Hier hingegen liegt der Fokus eher auf Erschwinglichkeit und Frische der Zutaten – Hygiene tritt dabei in den Hintergrund. Deshalb hat Essen hier viel mit Vertrauen zu tun. Wenn man sich einen Streetfood-Stand oder ein kleines Lokal anschaut, kann man meist nicht beurteilen, ob es hygienisch genug ist oder ob die Zutaten frisch sind. Man schaut eher auf die Person, die das Essen zubereitet, und entscheidet dann, ob man ihr vertraut. Oft folgt man auch einfach den Einheimischen – die wissen natürlich, wo man bedenkenlos essen kann.
Insgesamt würde ich sagen, dass das Essen hier eine kulturelle Herausforderung ist – besonders wenn man, wie ich, aus einem europäischen Umfeld kommt und sehr an Hygiene und Formalitäten gewöhnt ist. Aber wenn man darüber nachdenkt, machen die Unterschiede Sinn – denn Ho-Chi-Minh-Stadt ist eine sehr junge Stadt, in der alles gleichzeitig passiert. Da ist es logisch, dass auch beim Essen Effizienz und Tempo eine grosse Rolle spielen. Ich habe hier gelernt, dass es beim Essen nicht nur um das Essen selbst geht, sondern auch um Vertrauen und vor allem um Anpassungsfähigkeit. Viele Dinge, wie hohe Hygienestandards, habe ich immer als selbstverständlich angesehen – jetzt merke ich, dass sie das nicht sind. Aber ich würde mir keine Sorgen machen – denn ich habe festgestellt: Essen kann verdammt gut sein, auch wenn die Küche nicht blitzblank ist!