Japan - Tokio
Japan - Tokio
Reflexion über einen besonderen Aspekt des Lebens in Japan: Respekt und Disziplin
Als ich am Flughafen Haneda landete, war ich müde von dem 14-stuendigen Flug, aber auch voller Vorfreude. Nicht nur, weil es mein erster Aufenthalt in Japan war, sondern auch, weil ich wusste, dass ich nun ein ganzes Semester in einem Land verbringen würde, das ich schon immer besuchen wollte und über das ich so viele faszinierende Dinge gehört hatte – die unglaubliche Grösse der Stadt, die Menschenmengen, die Züge, die Schreine und die Wolkenkratzer. Aber ich hätte nicht erwartet, dass ich bereits am Flughafen meine erste Lektion über die japanische Kultur lernen würde.
Am Einreiseschalter wurde jeder einzelne Passagier mit einer Verbeugung vom Personal begrüsst. Es war kein schnelles Nicken, sondern eine ruhige, respektvolle Geste. In Japan begrüsst man sich nicht mit Handschlag oder Umarmung. Körperkontakt wird meist vermieden, und es ist üblich, sich zur Begrüssung und zum Abschied zu verbeugen. Männer legen dabei die Hände an die Seiten, Frauen halten sie vor dem Körper. Mit dieser höfflichen japanischen Begrüssung zeigten sie jedem Reisenden denselben Respekt. Es war eine einfache Handlung, aber für mich sehr beeindruckend, da ich diese Art von Höflichkeit nicht gewohnt bin. Mir wurde klar, dass Respekt hier nicht nur Menschen gilt, die man gut kennt, sondern allen – immer.
Nur wenige Minuten später machte ich meine nächste Beobachtung, die mir bis heute in Erinnerung geblieben ist – am Gepäckband. Ich war darauf eingestellt, das übliche Chaos von herunterfallenden Koffern zu sehen. Stattdessen stand dort eine Mitarbeiterin mit einem Schaumstoffpolster und fing jedes Gepäckstück auf, um es dann sorgfältig in die richtige Richtung zu legen, damit die Passagiere es leicht aufnehmen konnten. Das war so anders als alles, was ich bisher in Europa gesehen hatte. Auch in Liechtenstein sind die Menschen freundlich, aber dieses Mass an Sorgfalt in einem so kleinen Detail hat mich überrascht. Schon in den ersten Minuten im Land wurde mir gezeigt, wie sehr Disziplin und Respekt für andere hier zum Alltag gehören.
Als ich den Flughafen verliess und in die Stadt kam, fühlte ich mich zunächst überfordert. Die Präfektur Tokio hat etwa 37 Millionen Einwohner im Ballungsraum. Es ist die am dichtesten besiedelte Region der Welt – nirgendwo sonst leben so viele Menschen auf so engem Raum. Das Bahnnetz ist eines der grössten der Welt mit mehr als 2.700 Kilometern Gleis. Allein der Bahnhof Shinjuku zählt täglich 3,6 Millionen Passagiere. Der Bahnhof ist so gross, dass man 45 Minuten von einem der 200 Ausgänge zum anderen laufen kann. Ich machte mir Sorgen, wie ich mich in diesem riesigen System zurechtfinden würde und ob ich anderen im Weg stehen könnte.
Meine erste Zugfahrt zeigte mir jedoch das genaue Gegenteil von dem, was ich befürchtet hatte. Das gesamte System basiert auf Disziplin. Auf den Bahnsteigen warten die Menschen hinter klar markierten Linien. Der Zug hält exakt vor den Türen. Zuerst steigen die Passagiere aus, dann steigen die anderen ruhig ein. Niemand drängelt, niemand hastet. Im Zug ist es fast vollkommen still. Niemand telefoniert – das ist verboten – und es gibt auch keine Gespräche zwischen den Fahrgästen. Selbst zur Hauptverkehrszeit, wenn die Züge alle zwei Minuten fahren und bis auf den letzten Platz gefüllt sind, bleibt das Verhalten ruhig und respektvoll. Die Menschen warten, geben einander Raum – und genau deshalb fahren die Züge pünktlich und das ganze System funktioniert.
In Convenience Stores, Restaurants und sogar bei Sehenswürdigkeiten wird jeder Kunde mit derselben Höflichkeit behandelt. Man wird mit einer Verbeugung begrüsst, respektvoll angesprochen, und alles wird sorgfältig organisiert. Am Tokyo Skytree zum Beispiel standen Mitarbeitende an den Aufzügen, führten die Besucher zur Tür und verbeugten sich erneut, bevor sie sie nach oben schickten. Es ging darum, alles richtig zu machen und dem Kunden das bestmögliche Erlebnis zu bieten. 450 Meter über dem Boden zu stehen und über die endlose Stadt zu blicken war atemberaubend. Was mir besonders auffiel, war nicht nur der Service selbst, sondern die Disziplin dahinter. Ganz ehrlich: Einige Sätze und Gesten wirkten auf Dauer etwas künstlich. Ich kann mir vorstellen, dass dieses Verhalten auf Dauer auch anstrengend sein kann.
Eine weitere Überraschung erlebte ich bei meinen ersten Spaziergängen durch die Stadt. Es war im September noch sehr heiss, mit Temperaturen über 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit. Ich hatte eine Wasserflasche ausgetrunken und wollte sie wegwerfen – aber es gab nirgendwo Mülleimer. Zunächst dachte ich, ich hätte einfach Pech, aber es stellte sich heraus, dass öffentliche Mülleimer aus Sicherheitsgründen in ganz Japan entfernt wurden. Mein erster Gedanke war: In so einer riesigen Stadt muss das doch zu einem grossen Müllproblem führen. Aber wieder einmal waren die Strassen sauber. Die Menschen tragen ihren Müll einfach mit sich, bis sie ihn zu Hause oder in einem der wenigen Behälter an grossen Bahnhöfen oder Sehenswürdigkeiten entsorgen können. Auch das Rauchen auf der Strasse ist verboten – es gibt also keine Zigarettenstummel auf dem Boden. Für eine Stadt dieser Grösse ist die Sauberkeit beeindruckend.
Wenn ich all das betrachte, kann ich nicht anders, als es mit Europa zu vergleichen. In Liechtenstein oder Deutschland – wenn dort die öffentlichen Mülleimer entfernt würden, bezweifle ich, dass die Strassen sauber bleiben würden. Zu viele Menschen würden ihren Abfall einfach fallen lassen. Der Unterschied liegt nicht im System, sondern in der Denkweise. In Japan sind Disziplin und Respekt Werte, mit denen man aufwächst und die man ganz selbstverständlich lebt. In Europa halten sich viele Menschen auch an Regeln – aber nicht mit derselben Konsequenz. Man sieht das schon daran, dass ganze Stadtviertel in Deutschland verdreckt oder mit Graffiti übersäht sind.
Das hat mich auch zum Nachdenken über mich selbst gebracht. Hier in Japan habe ich das Gefühl, mich dem Verhalten der Menschen anpassen zu müssen. Ich möchte die Ordnung nicht stören oder respektlos wirken. Ich fühle mich motiviert, die Regeln zu befolgen – weil es alle anderen auch tun. Zu Hause, obwohl ich ein gewissenhafter Mensch bin, merke ich manchmal, dass ich weniger streng mit mir selbst bin, weil ich weiss, dass viele andere es auch nicht sind. Hier in Japan ist es umgekehrt: Die Disziplin der anderen macht auch mich disziplinierter.
In meinen ersten Wochen hier habe ich gelernt, dass Respekt und Disziplin nicht nur nette Worte sind. Sie sind der Grund, warum die grösste Stadt der Welt so gut funktionieren kann. Sie machen das tägliche Leben für alle angenehmer. Es ist beeindruckend zu sehen – und es bringt mich zum Nachdenken, was ich davon mit nach Hause nehmen kann. Vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis: Echter Wandel beginnt, wenn jeder in der Gesellschaft Verantwortung übernimmt – nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere.